Jedes Jahr im Oktober – Mauerfall

1988, noch vor dem Fall der Mauer, bezog ich mein neues Zuhause am Stadtrand von West-Berlin. Mein morgendlicher Weg zur Arbeit führte mich über eine Brücke, von der der gesamte, karge Mauerstreifen nebst dem dahinter liegendem Brachland mit vertrockneten Gräsern zu erblicken war. Es war jedes mal ein merkwürdigens Gefühl, die Brücke zu passieren. Denn auf weiter Flur ragte ein Beobachtungsturm empor und sobald ein Brückengänger ins Sichtfeld der DDR-Grenzsoldaten kam, spähten diese durch ihre Ferngläser und beoabachteten das Treiben auf der „anderen“ Seite. Gegen Abend und des nachts herrschte am äußersten Rand der Stadt  jenseits der Mauer absolute Stille. Nur hin und wieder ertönte das Heulen einer Sirene und zerriss die Nachtruhe. Dagegen begleitete das lautstarke Bellen der Grenzhunde häufig die nächtlichen Patrouillien der Mauerbewacher. Inzwischen erinnert nichts mehr an einen Grenzstreifen, an die jahrelange Trennung der Stadt. Das ist auch gut so. Das ehemals karge Land wurde bebaut, Siedlungen und Einfamilienhäuser mit schönen Gärten zieren nun die Landschaft.

Warum erzähle ich das?

Seit 1990 feiern wir den Tag der Deutschen Einheit, den neuen Feiertag des vereinten Deutschlands. Rund um das Brandenburger Tor entsteht alljährlich eine Festmeile mit mind. 1,5 Kilometern Länge. Tausende MitbürgerInnen strömen zur Meile, lassen sich die „Einheit-Party“ nicht entgehen. Ein berauschendes Feuerwerk beendet als krönenden Abschluss die Feierlichkeiten. Jedes Jahr erinnere ich mich an die damalige Begegnung an der Mauer,  die in den Tagen des Umbruchs schon einige Löcher aufwies. Löcher in der steinernen Wand, gerade groß genug, um hindurch zu sehen. Ich war neugierig. Und so wagte ich es und betrat dieses Stück Niemandsland, jenen Streifen vor der Mauer, dessen Betreten verboten war. You are leaving the American Sector! Große Hinweisschilder warnten seit ich ein Kind war vor dem Weitergehen. Auch jetzt mahnten die Schilder zur Rückkehr. Unsicher stand ich auf diesem Streifen, näherte mich zaghaft dem Mauerloch und sah hindurch. Erschrocken wich ich zurück. Ich blickte direkt in die neugierigen Augen eines jungen Grenzsoldaten – West nach Ost und  Ost nach West!

Es war eine merkwürdige Situation

Mein Gegenüber erschrak ebenfalls! Instinktiv fühlten wir uns in der Annahme ertappt, etwas Nichterlaubtes getan zu haben…Nach anfänglichen Schrecksekunden kamen wir ins Gespräch, obwohl mir der junge Mann mit seinem Gewehr über der Schulter einiges Unbegagen einflößte. Tage später wurde nicht weit von der Stelle entfernt ein provisorischer „Ost-West-Übergang“ eingerichtet. Schaulustige und Neugierige versammelten sich dort und so reihte auch ich mich in die Warteschlange der „Grenzgänger“ ein. Nach Ausweiskontrolle und Namenserfassung passierte ich den kleinen Übergang. Erstmals schritt ich durch die kleinen angrenzenden, bisher unbekannten Straßen. Den kurzen Ausflug empfand ich ebenso abenteuerlich wie aufregend. Trotzdem kehrte ich nach einigen hundert Metern wieder um. So ganz geheuer war mir die Angelegenheit doch nicht.  Ich war froh, wieder zurück zu sein und westliches Terrain unter den Füßen zu haben. Ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, wurde genau dort in diesen Straßen ein Fest zum Tag der Deutschen Einheit gefeiert.

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Renate Hupfeld

Tag der Deutschen Einheit

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