Vom Alter und Älterwerden

In Vorbereitung auf ein Kreativgespräch in meinem Netzwerk mache ich mir Gedanken über das Älterwerden, genauer gesagt über ein Leben im Alter in unserer Gesellschaft.

Folgt man einer ethischen und moralischen Auffassung, scheint ein Verhalten älteren Menschen gegenüber klar auf der Hand zu liegen. Menschen, die ihre aktiven Lebensphasen der Familie, den Kindern, dem Beruf und nicht zuletzt auch der Gesellschaft gewidmet haben, die nun alt, gebrechlich, vielleicht allein und hilfebedürftig sind, haben Respekt und Fürsorge der jüngeren Generation sowie staatliche Zuwendung und Unterstützung verdient. Wertvorstellungen, wonach das Alter geachtet und geehrt werden sollte, sind sicherlich in vielen Menschen verankert und auch unser Sozialsystem sieht eine umfangreiche Betreuung der älteren Menschen, die sich aus eigener Kraft nicht mehr versorgen können, vor. 

Doch sieht die Realität oft nicht anders aus?

Nur wenig hilfs- und pflegebedürftige Menschen können sich glücklich schätzen, liebevoll von nahen Verwandten oder den eigenen Kindern betreut zu werden. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Sei es aus zeitlichen, beruflichen oder räumlichen Gründen; oder auch ganz einfach, weil nicht jeder dieser verantwortungsvollen Aufgabe gewachsen ist. Was bleibt, ist die Inanspruchnahme geschulten Pflegepersonals, welches nach straff organisierten Tagesplänen und in regelmäßigen Abständen die Wohnung eines zu betreuenden Menschen aufsucht, um eine Grundversorgung zu gewährleisten.

Und wo bleibt die Zeit für Gespräche? Die Zeit, um auf die Sorgen und Nöte unserer älteren Mitmenschen einzugehen?

Anders mag es bei einer Heimunterbringung im Altersheim oder einer sogenannten Altersresidenz aussehen. Dort werden Veranstaltungen geboten, Nachmittagskaffee, Singestunden, Musizieren, Vorlesungen. Gemeinsames Essen und fern sehen ist in den Gesellschaftsräumen möglich. Doch eine Unterkunft dieser Art kostet trotz Zuschüssen viel Geld. Nicht jeder verfügt im Alter über einen ausreichenden finanziellen Spielraum. In vertraulichen Gesprächen mit einer Gruppe netter alten Damen und Herren wurde mir im Rahmen einer Vorlesung von ihnen berichtet, dass sie so gut wie kein Geld mehr besäßen. Kein Taschengeld, um sich zur Abwechslung Kleinigkeiten außerhalb des Heimangebotes zu kaufen. 

Das Alter in unserer Gesellschaft

Ab wann fängt das Alter an und von welchem Alter spreche ich? Die Grenze ist fließend, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man das Alter betrachtet. Für die wirtschaftlichen Belange fängt es bereits mit 40 Jahren an. Die Fünfzigjährigen gehören schon fast zum alten Eisen. Die Erfahrung und Kompetenz dieser Altersklasse, sofern man sich auf Arbeitssuche befindet oder zum künftigen Stellenabbau vorgesehen ist, wird gern übersehen. 

Wie verhält es sich jedoch mit den sogenannten Best Agers?

Gemeint sind die nicht mehr ganz jungen, aber auch noch nicht sehr alten Menschen, knapp um die Sechzig. Sie sind meist noch rüstig, konnten vielleicht vorzeitig aus dem Berufsleben aussteigen und haben u. U. ein gutes Polster. Diese Altersklasse bietet der Gesundheits- und Wellnessindustrie ein breites Feld. Ganze Wirtschaftszweige haben sich auf die rüstigen Rentner und Frührentner,  die das Berufsleben hinter sich haben und viel zu jung sind, um untätig auf dem Abstellgleis zu stehen, spezialisiert.

Das Alter in unserer Gesellschaft; wie verhält es sich damit?

Betrachtet man eine Gesellschaft nicht als die große unbekannte Gemeinschaft aller Menschen, sondern in ihrer kleinsten Form, nämlich als einen Kreis der engsten Familie, wie kommt diese kleine Einheit mit der Pflege und Betreuung eines älteren und hilfsbedürftigen Familienmitgliedes zurecht? Ich habe großen Respekt und Anerkennung für all diejenigen, die sich trotz aller physischen und psychischen Belastungen dieser Aufgabe stellen. Ich verstehe und akzeptiere aber auch diejenigen, die sich dazu nicht in der Lage fühlen oder nicht in der Lage sind.

Doch zurück zur Einleitung

Es stimmt nicht ganz, dass ich mir erst jetzt Gedanken über das Älterwerden mache. Seit meiner Kindheit bin ich mit der Thematik vertraut; meine Eltern waren meine Großeltern und so wuchs ich in der Obhut zweier wunderbarer und liebevoller älterer Menschen auf. Als Kind und Jugendliche erlebte ich die altersbedingten Gebrechen der Beiden, den schleichenden körperlichen Alterungsprozess mit all seinen Höhen und Tiefen mit. Das nächtliche Rufen des Krankenwagens, Einlieferungen ins Krankenhaus, aufopfernde Pflege und Zuwendung, gepaart mit Verlustängsten. Das widerhallende Schreiten durch Klinikflure, die Zustände in den Krankenhäusern, wo es schon mal vorkommt, dass ein Patient etwas länger in seinem Erbrochenen liegen bleiben muss. Das Isolieren in einem gesonderten Zimmer, alleingelassen, die Zeit abwartend, bis es vorbei ist. Die Schwestern hatten auch damals wenig Zeit.

Später dann brauchte mich mein Großvater. Wann immer ich es möglich machen konnte, war ich bei ihm oder holte ihn zu mir. Noch später, er saß längst im Rollstuhl, gestalteten sich seine Besuche wesentlich schwieriger, denn es musste ein Behindertenbus als Fahrdienst bestellt werden. Pflegen konnte ich ihn nicht; auch seine vier eigenen Kinder samt Schwiegertöchter und Schwiegersöhne sowie die übrigen Enkelkinder nicht. Traurige Familienchronik, die sich nicht verallgemeinern lässt. Doch ich fürchte, so oder so ähnlich verhält es sich in vielen Familien. Es bleibt ein kindliches Klammern an den Pfleger oder die Pflegerin, ein Warten auf die halbe Stunde morgens, mittags oder abends. Warten auf ein Stück menschliche Nähe und Zuwendung. Dann das Begleiten und Besuchen in einer Geriatrie; für mich als damals junge und aktive Frau, die zum ersten Mal solch eine Einrichtung betrat, ein Schock.

Um an dieser Stelle kein Missverständnis aufkommen zu lassen – wir haben eines der besten Sozialsysteme! Es ist gut und notwendig, dass es alle diese Einrichtungen gibt und auch die Verantwortlichen einschließlich des Pflegepersonals erfüllen ihre Aufgaben mit viel Einsatz und hoher Kompetenz.

Die Weisheit, man solle sein Leben jeden Tag genießen, wurde mir seinerzeit mehr als deutlich vor Augen geführt. Auch, wenn ich es zwischendurch immer wieder vergesse. Doch mitanzusehen, welcher Verfall eventuell im Alter zuschlagen kann, man nur noch sitzt und wartet, bis man gewaschen, angezogen und an den Tisch geschoben wird, um sich das Essen füttern zu lassen, ist ein trauriger Gedanke.

Jeder von uns hofft, so lange wie möglich gesund zu bleiben. Hofft, im Alter nicht isoliert leben zu müssen und auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Respekt voreinander und würdevolles Umgehen miteinander, egal in welchem Alter, ist leider keine Selbstverständlichkeit.

Nicht in so mancher Familie und auch nicht im gesellschaftlichen Umfeld.

 Foto: geralt, pixabay